Buch: Kritiken

Kritik von Kai Seuthe aus dem November 2018:

2018 veröffentlichte Cedric Finian Röhrich seinen Debüt-Roman Dornenschwertgriff – Segment Eins: Lichterblut im Novum-Verlag. Dabei handelt es sich laut Aussage des Autors um den Auftakt einer Trilogie. Hierzu erschuf Röhrich eine komplexe Fantasywelt, die er den Lesern auch in aller Ausführlichkeit schmackhaft zu machen versucht.

Aber der Reihe nach. Zunächst sollte die eigentliche Handlung des Romans in Augenschein genommen werden, schließlich ist sie es ja, die einen kompletten Roman füllen sollte, an die sich die Leser erinnern und wo sie mitfiebern, wie sie denn nun ausgehen mag. Einen großen Anteil an Erfolg oder Misserfolg einer solchen Geschichte tragen die handelnden Figuren, allen voran Protagonisten und Antagonisten. Ja, es ist sogar möglich, scheinbar unwichtigen Nebenfiguren so viel Raum zu geben, dass sie der Handlung zuspielen und vielleicht durch ihre Eigenarten dem Leser im Gedächtnis bleiben. Bestes Beispiel hierfür ist, da wir uns ja in der High-Fantasy bewegen, Tom Bombadil aus dem ersten Band von Der Herr der Ringe. Eine so unwichtige Nebenfigur, die es noch nicht mal in die Verfilmung von Peter Jackson geschafft hat, die aber den meisten Lesern ausgesprochen positiv im Gedächtnis geblieben ist. Es handelte sich um eine Figur mit Geschichte, Tiefe, exzentrischem Charakter und vor allem einer großen Liebenswürdigkeit.

Aber zurück zu Röhrichs Roman. Man muss dem Autor gutheißen, dass er es geschafft hat, mit seinen 15 Jahren ein derart komplex scheinendes Werk veröffentlicht zu haben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es unheimlich schwierig ist, eine solche Story auch zu Ende zu bringen. Hut ab davor, das in so jungen Jahren getan zu haben. Hier könnte der Grundstein gelegt worden sein für eine vielversprechende Schriftstellerkarriere. Dazu aber mehr am Ende.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter und steiniger Weg, denn Röhrichs Roman scheint förmlich vor handwerklichen, orthografischen und grammatikalischen Fehlern überzuquellen. Diese alle im Detail aufzuzählen würden den Rahmen dieser Rezension sprengen. Dass dieses Buch ein professionelles Lektorat erfahren haben soll, wage ich zu bezweifeln. Und wenn doch, dann bedauere ich das für Röhrich sehr.

Wie gesagt: Auf alle Punkte werde ich nicht eingehen, aber ein paar Dinge möchte ich nicht unerwähnt lassen.

Lichterblut ist in zwei Erzählungen unterteilt, wobei die erste eines Prologs gleich die Vorgeschichte zur eigentlichen Story liefern soll. Röhrich stellt uns seine komplexe und liebevoll durchdachte Fantasywelt ausführlich vor. Und damit meine ich: auf knapp 70 Seiten! Röhrich beginnt so gesehen bei Adam und Eva respektive Allmacht, der die Welt, in der die Geschichten von Lichterblut spielt, schuf. Und tatsächlich hat dieser Teil der Erzählung mit seinen unglaublich vielen Charakteren, Handlungen, Intrigen, Erläuterungen und Kriegen etwas von einer biblischen Erzählung und einem geschichtlichen Exkurs. Zuweilen werden reine Sachinformationen in so nüchternem Ton wiedergegeben, dass sie auch das grobe Gerüst für ein Drehbuch hätten sein können, dann wiederum werden plötzlich Fragmente wie aus einem Roman erzählt. Mehr als einmal dachte, dass nun die Geschichte aber losginge und ich versuchte, mich auf den vermeintlichen Protagonisten einzustellen – der dann aber ein paar Sätze später auch schon wieder das Zeitliche gesegnet hatte.

Am Ende des ersten Teil des Buches hatte sich bei mir Erleichterung breit gemacht, denn dieses Exkurs zu lesen, hat nur wenig Freude bereitet. Röhrich glänzt, und das meine ich ganz ernst, mit seiner ausgeprägten Fantasie. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Namen und Völker, Wesensarten und verwobene Familiengeschichten er sich ausgedacht hat. Ich stelle mir die unglaublichen Notizen vor, die er sich bei der Konstruktion dieser Welt gemacht haben muss. Muss, sonst wäre er durcheinandergekommen. Den Eindruck hat man beim Lesen jedoch nicht. Röhrich weiß immer, wovon er spricht, hat diese ganzen Dinge auf Abruf parat und weiß geschickt im weiteren Verlauf auf Vergangenes hinzuweisen.

Das erfordert aber auch von Seiten der Leser viel Aufmerksamkeit, zumal nicht immer ersichtlich ist, welche Figuren und Handlungen nun relevant sind und was nie wieder eine Bedeutung spielen wird. Dahingehend hätte dieser Roman dringend eine Weltkarte sowie ein Glossar benötigt, um gerade mal nachschlagen zu können, wenn man wieder einmal den roten Faden verloren hat.

Der Rote Faden windet sich in der zweiten Hälfte des Buches wie ein Wurm, dem der Kopf abgetrennt wurde. Es ist schwierig, der Handlung zu folgen. Schließlich gibt es doch noch einen Protagonisten, Olas, dem wir über die Schulter schauen. Leider ist die Handlung des Protagonisten sehr dünn und ließe sich, ließe man all die Nebenhandlungen und weiteren Exkurse außer acht, auf ein Viertel der Textlänge zusammenschrumpfen.

Olas’ Geschichte beginnt zunächst nach dem klassischen Schema der Heldenreise, mag man vermuten. Doch ich bezweifle, dass Röhrich etwaige Hilfsmittel zur Plotkonstruktion überhaupt kennt. Stattdessen zieht der Held von A nach B, wird immer mal wieder aufgehalten, lernt Gefährten kennen und kämpft schließlich in alter Gut-gegen-Böse-Manier gegen die Feinde.

Obwohl gut nicht so klar zu definieren ist. Ein gut konstruierter Held weist Widersprüche auf, ist nicht nur gut und lieb und was nicht alles. Er hat auch seine dunklen Seiten, seine Macken und unschönen Eigenarten. Trotzdem sollte er sympathisch bleiben und wenn ihm etwas Negatives anlastet, dann muss dies gut begründet und nachvollziehbar sein. Es gibt fast nichts Schlimmeres für eine Geschichte als einen Protagonisten, mit dem man sich nicht (mehr) identifizieren kann. Olas legt diese Meisterleistung mehrmals hin und rasch fiebere ich nicht mehr mit ihm mit.

Allerdings ist dies nicht nur Olas’ sondern das Problem sämtlicher handelnden Figuren. Die Charaktere sind trotz der komplexen Hintergrundgeschichte oberflächlich konstruierte und austauschbare Pappkameraden.

Um es kürzer zu machen: Es gibt keinen spannenden Spannungsbogen, potentiell spannende Handlungen der Hauptstory werden plötzlich durch Nebenhandlungen kaputt gemacht; die Erzählperspektive ist nicht gut gewählt, das Auktoriale ist für Anfänger schwierig, besser wäre es gewesen, bei einer Person zu bleiben. Dies gilt nicht nur für Olas, sondern auch andere Geschichten, in denen munter von Perspektive zu Perspektive (auch die des erklärenden Autors) gehüpft wird. Weiterhin sind die selbst ausgedachten Namen für Orte, Personen oder Gegenstände zwar kreativ, aber mitunter doch recht sperrig zu lesen und regelrechte Stolpersteine im ohnehin zähen Lesefluss. Konflikte, das A und O spannender Literatur, werden meist rasch und fast immer mit dem Tode gelöst. Was zunächst noch überrascht durch seine Brutalität und das Unerwartete, nutzt sich rasant ab. Auch verliert man irgendwann das Interesse für die Figuren, weil fast niemand in diesem Buch lange überlebt. In der Form Geschichten zu erzählen ist durchaus möglich und kann auch sehr gut sein, wie man an George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer sieht, aber bei Röhrich scheint alles einer gewissen Willkür unterworfen zu sein, was schade ist, denn ich traue dem Autor zu, auch andere Lösungen für seine Konflikte zu finden als Mord und Totschlag.

Röhrich versucht sich ebenfalls an Lyrik in Form von Gedichten und Liedern. Auch dabei ist hohes Potential zu erkennen, oftmals wirken diese Erzählformen aber, als würde der Autor dem Leser noch einmal mit der Bratpfanne ins Gesicht schlagen, um die Handlung zu verdeutlichen.

Und so weiter und so fort. Röhrichs Roman hätte eine detaillierte Textanalyse bitter nötig gehabt, zumindest aber ein ordentliches Lektorat. Dahingehend sei erwähnt: Interpunktionsfehler, Groß- und Kleinschreibung, Dopplungen, fehlende Absätze, Ausmerzen von zu vielen Adjektiven und Füllwörtern (”vernehmlich”, “eher” etc.), all das und noch viel mehr wären die Aufgaben des Verlags gewesen. Diese Dinge möchte ich Röhrich nicht ankreiden.

Abschließend möchte ich betonen, dass ich glaube, dass der Autor einmal sehr erfolgreich sein wird, wenn er weiter an sich arbeitet. Er hat viele gute Ideen, einige überraschende Wendungen verbaut, hin und wieder blitzt Wortwitz durch, manche Dialoge sind echt urkomisch, manche Beschreibungen wunderschön bildhaft, hin und wieder erzeugt er für einen Moment die perfekte Stimmung, zuweilen lenkt er den Fokus auf genau die richtigen Details … definitiv ein Talent, das nun noch etwas von der eigentlichen Handwerkskunst dahinter lernen muss. Ich glaube, dass Röhrich das kann und weiter an sich arbeiten wird. Die meisten Jungs mit 15 Jahren haben solche Dinge noch lange nicht im Kopf. Doch er hat sehr früh mit der Schreiberei begonnen und befindet sich trotz aller Kritik und Makel bereits auf einem Level, wo andere erst noch hinkommen müssen. Nun gilt es, an den Feinheiten zu arbeiten, so dass der nächste oder übernächste Band dieser Trilogie richtig gut werden kann.

Kai Seuthe

Erfahrender Schriftsteller in vielen Bereichen (Regionalpresse, Internet, Sachbücher, Kurzgeschichten, Fantasie), Autor der Kolossia Reihe, Web-Video Produzent, Schreibtippgeber

November 2018